Was steckt hinter der SPITZEN NADEL?

Der Wettbewerb

Die Themen Arbeitsbedingungen, Existenzlöhne sowie Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen in der Textil- und Bekleidungsindustrie müssen sowohl in den Ländern des globalen Südens als auch bei uns in Politik und Öffentlichkeit platziert werden und eine Verbesserung der Bedingungen soll eingefordert werden. Dazu soll auch dieser Preis dienen, den cum ratione -Gesellschaft für Aufklärung und Technik gemeinsam mit dem INKOTA-netzwerk im Jahr 2016 erstmals vergeben hat.

In Deutschland führen zahlreiche unterschiedliche Gruppen in diesem Themenfeld immer wieder Protestaktionen durch, um die Öffentlichkeit auf die Missstände vor allem bei Zulieferbetrieben in Asien aufmerksam zu machen. Solche Proteste haben dazu beigetragen, dass Opfer entschädigt worden oder zu ihrem Recht gekommen sind. Mit dem von cum ratione gGmbH und INKOTA-netzwerk ausgeschriebenen Preis soll solches Engagement in besonderer Weise gewürdigt werden. Gruppen, die in einem Zeitraum vom 01.05.2017 bis zum 30.04.2018 eine öffentlichkeitswirksame Aktion zur Aufklärung über die Missstände in der Textil- und Bekleidungsindustrie durchgeführt haben, können teilnehmen. Der Preis „Die SPITZE NADEL“ wird für Aktionen an Gruppen, Vereine oder Initiativen vergeben, deren Aktivitäten darauf abzielen, zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken oder öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen, wodurch die Menschenrechte bei der Arbeit in der globalen Lieferkette thematisiert werden.

Der Preis „Die SPITZE NADEL“ wird gemeinsam von der cum ratione gGmbH, Paderborn, und vom INKOTA-netzwerk e.V., Berlin, ausgelobt und durchgeführt.

Cum ratione gGmbH:  Die cum ratione gGmbH, Paderborn,  ist eine neugegründete gemeinnützige GmbH für Aufklärung und Technik mit dem Ziel der Förderung von nicht gewinnorientierten, der gesellschaftlichen Entwicklung dienenden Projekten oder von Projekten mit gesellschaftlicher Relevanz, die erst auf längere Sicht kommerziellen Erfolg versprechen. Der Schwerpunkt der cum ratione gGmbH liegt in den Bereichen der technischen Innovation im Umweltschutz und in der Förderung einer Kultur der Aufklärung. Neben dem Engagement zur Verbesserung der Bedingungen in der Textilindustrie widmet sich die cum ratione gGmbH Projekten wie einer Analyse von möglichen Instrumenten zur flächen- und ressourcenschonenden Schaffung von Wohnraum oder Technologien zur effizienten Speicherung von erneuerbaren Energien.

Weitere Informationen zur Gesellschaft gibt es auf www.cum-ratione.org.

INKOTA-netzwerk e.V.:  Seit mehr als 40 Jahren macht INKOTA auf globale Missstände aufmerksam und bringt die Verantwortlichen zum Handeln. Mit gezielten Kampagnen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen setzt sich die Organisation für menschenwürdige Arbeit in der globalen Textilproduktion ein oder deckt die Gefahren einer von Konzernen dominierten Landwirtschaft auf. Gleichzeitig unterstützt INKOTA über lokale Partnerorganisationen Menschen in El Salvador, Guatemala, Nicaragua, Mosambik und Vietnam auf ihrem Weg zu einer selbstbestimmten Entwicklung. Die Projektarbeit in den Partnerländern des Südens ist eng mit der entwicklungspolitischen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland verbunden. Mit Kampagnen, Aktionen und Veranstaltungen sollen die Menschen dafür sensibilisiert werden, dass die globalen Probleme vor der eigenen Haustür beginnen.

Weitere Informationen zum INKOTA-netzwerk und dem Preis finden sich auf www.inkota.de/spitze-nadel.

Der Preis ist mit einem Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro dotiert. Bei gleich guten Einsendungen obliegt der Jury die Entscheidung, den Preis aufzuteilen.

Weiterhin erhält jeder Preisträger eine aus nachhaltigen Materialien gefertigte SPITZE NADEL. Diese soll symbolhaft für deren Einsatz stehen und dafür, dass sie mit ihren Aktionen auch dahin gehen, wo es den Ausbeutern innerhalb der globalen Textilindustrie weh tut.

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Die SPITZE NADEL 2018

Ein Gymnasium in Baden-Württemberg, ein Berliner Veränderungsatelier und eine Diplomarbeit. Auf den ersten Blick scheinen die drei nichts gemeinsam zu haben und doch verbindet sie etwas ganz Entscheidendes: Sie alle wollen auf die weiterhin bestehenden Missstände in der globalen Textilindustrie aufmerksam machen. Für ihren herausragenden Einsatz für mehr Menschenrechte bei der Arbeit haben die gemeinnützige Gesellschaft cum ratione und das INKOTA-netzwerk am Dienstag (3.Juli 2018) den mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Aktionspreis SPITZE NADEL vergeben. Die Preisträger in diesem Jahr sind das Friedrich-von-Alberti-Gymnasium Bad Friedrichshall, der Verein „Bis es mir vom Leibe fällt“ und die Designerin Tanja Hildebrandt.

Auch in diesem Jahr wurde die SPITZE NADEL 2018 im Rahmen der Ethical Fashion Show Berlin vergeben, die sich dieses Jahr verstärkt dem Thema Schuh- und Lederproduktion gewidmet hat. In unserer Einführungsveranstaltung vor der Preisverleihung haben wir daher unter dem Titel “Vom Wissen zum Anders – Ethisch korrekte Schuhe, geht das?" nach Wegen gesucht, um Fairness bei Schuh und Leder zu fördern.

Motivation junger Menschen: Friedrich-von-Alberti-Gymnasium Bad Friedrichshall

Das Friedrich-von-Alberti-Gymnasium hat sich mit der eigenen Theater- bzw. Videoinstallation „Fashion Pressure“ beworben, die Kritik am hemmungslosen Konsum der Gegenwart üben soll. Dafür erhält es die SPITZE NADEL 2018 in der Kategorie „Motivation junger Menschen“. Das Stück vereint auf beeindruckende Weise schauspielerische Elemente, Videoprojektionen, Comics und eine Interaktion mit Perplexa, einem sprachgesteuerten und intelligenten Elektrogerät. “Das Konzept des Friedrich-von-Alberti-Gymnasiums richtet sich vor allen Dingen an Jugendliche, die im Konsumrausch gerne möglichste viele schicke, moderne, billige Klamotten kaufen. Die erbärmliche Situation der Näherinnen In Bangladesch wird in dem Theaterstück mit Hinweis auf das Rana Plaza Unglück, bei dem über 1100 Menschen in der eingestürzten Fabrik umkamen, verdeutlicht. Es soll insbesondere kritisch aufgezeigt werden, wie stark Jugendliche heutzutage in ihrem eigenen Kaufverhalten gelenkt werden. „Der Einfluss von digitalen Medien auf unser Konsumverhalten – und insbesondere das der jungen Generation – ist bedenklich. Der Einsatz für ein kritisches Bewusstsein und einen nachhaltigen Umgang der Schülerinnen und Schüler mit Kleidung ist daher absolut notwendig und muss unterstützt werden“, erklärt Kerstin Haarmann, Geschäftsführerin von cum ratione, die Entscheidung der Jury.

Hinter dem außergewöhnlichen Einsatz der Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums steht Axel Schütz, ohne den das Projekt nicht möglich gewesen wäre. So setzte sich der Lehrer in seiner freien Zeit in den Ferien an das Drehbuch zum Stück und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen.

Zukünftig soll das Stück auch für andere Schulen und Organisationen buchbar sein. Außerdem haben die Schülerinnen und Schüler eine eigene Firma unter dem Slogan „Changemaker“ gegründet, die selbst produzierte nachhaltige Shirts anbietet. “Alles in allem ein ganzheitliches, nachhaltiges Konzept", lobt Laudatorin Bärbel Höhn, Energiebeauftragte des BMZ für Afrika.

Beispiele für die Shirts gibt es auf https://changemaker.fvag.net/ . Interessierte können sich deswegen gerne an Herrn Schütz wenden.

Vom Umdenken zum Handeln: Bis es mir vom Leibe fällt e.V.

Bis es mir vom Leibe fällt. Dahinter stehen ein Atelier und ein Verein in Berlin. In der Werkstatt und in Workshops entstehen aus alten Herrenhosen neue Damenmäntel, gerettet werden kaputte Pullover und geliebte Jeans. Nach dem Motto “Shoppen ist schön – kreativ sein und selber machen ist garantiert schöner" zeigen Gründerin und Inhaberin Lisa Prantner und ihre Mitstreiterinnen mit wunderbarer Leichtigkeit einen Ausweg aus dem Konsum von Fast Fashion.

Das Berliner Veränderungsatelier wird deshalb für seinen tollen Einsatz für einen nachhaltigeren Umgang mit Kleidung in der Kategorie „Vom Umdenken zum Handeln“ ausgezeichnet. Dass sich aus alten Klamotten etwas tolles Neues erschaffen lässt, haben die Preisträgerinnen dabei auch eindrucksvoll auf der großen Bühne bewiesen.  Aus vier alten Herrenhosen wurde das einzigartige neue Kleid, das von Cathi Clauss im Bild unten präsentiert wird. Sich selbst sehen die Designerinnen des Vereins als Mittel der Veränderung in einer reparaturbedürftigen Welt an. Dabei setzen sie sich dafür ein, dass Kleidung wieder mehr wertgeschätzt und nicht länger als Wegwerfobjekt gesehen wird. Wer sich seine alten Kleidungsstücke nicht professionell durch die Designerinnen verändern lassen möchte, der kann in der offenen Werkstatt auch selbst aktiv werden und seiner Kreativität freien Lauf lassen. Besonders positiv ist auch zu erwähnen, dass der Verein Workshops und Schulprojekte zur Aufklärung über die Produktionsbedingungen und nachhaltige Alternativen wie das Upcycling bietet. Hiermit soll schon früh im Bereich der Bildung angesetzt werden, damit ein Bewusstseinswandel erreicht werden kann.

Mehr dazu auf: https://bisesmirvomleibefaellt.com/

Innovativste Idee: Tanja Hildebrandt, momus

Wie erreicht man am besten Menschen, die stets die neuesten Trends der Fast Fashion Industrie verfolgen und die sich bislang kaum für faire Mode interessiert haben? Diese Frage stellte sich die Berliner Designerin Tanja Hildebrandt in ihrer Diplomarbeit. Das Ergebnis: Eine SPITZE NADEL in der Kategorie „Innovativste Idee“. Tanja Hildebrandt hat sich dazu die wichtigsten Elemente von Fast Fashion Marken angesehen und diese für ihr eigenes Fake-Modelabel Momus kopiert. Momos gilt in der griechischen Mythologie als Meister der scharfzüngigen Kritik. Und diese Kritik hat es in sich. Obwohl es auf den ersten Blick so scheint als könnten die präsentierten Stücke der neuen Kollektion genauso gut in jedem beliebigen Store in den Haupteinkaufsstraßen der Städte hängen, handelt es sich hierbei jedoch nur um alte Kleidung, mitgebracht von Freundinnen. Die Muster und Farbverlaufe auf den Shirts sehen cool aus? Nicht mehr so cool ist es, wenn man weiß, worum es sich dabei handelt: Farbreste von Textilfabriken, die in die umliegenden Flüsse gelangen. Oder Zellen, die mutierte Fischzellen zeigen – entstanden durch den Einsatz von Chemikalien. Aufgelöst wurde die Täuschung nicht nur online, sondern auch es gab auch ein großes Release-Event. Ganz im Stile der Fast Fashion Industrie wurden Besucher*innen damit gelockt, dass es Rabatt auf die neue Kollektion gibt, wenn sie alte Kleidungsstücke mitbringen. Vor Ort dann aber die Überraschung: In Wirklichkeit war alles nur ein Fake und die große Kuppel, in der die neue Kollektion präsentiert werden sollte, entpuppt sich als Bühne für Upcycling-Workshops. „Tanja hat es geschafft, ihre Zielgruppe anzusprechen und zu erreichen. Sie hat die gleichen Techniken wie die Fast Fashion Industrie verwendet, hat aber die Absurdität des Ganzen herausgearbeitet und alles zu einem konsumkritischen Projekt umgewandelt“, unterstreicht Laudatorin Marina Wenk. „Eine wirklich geniale Idee und wir können nur wünschen, dass Tanja während ihrer beruflichen Laufbahn weiterhin so grandiose Ideen hat.“

Weitere Hintergrundinformationen zu momus gibt es auf http://www.momus-shop.com/momus/

Impressionen von der Preisverleihung der SPITZEN NADEL 2018 auf der Ethical Fashion Show:

Wie läuft die Bewerbung ab?

Der Bewerbungsprozess

Wer kann sich bewerben?

Für den Preis die SPITZE NADEL können sich alle Gruppen bewerben, die die dunkle Seite der Modeindustrie satt haben und in gemeinschaftlichem Engagement Aktionen durchführen, die auf die Missstände in der Textil-, Schuh- und Lederindustrie aufmerksam machen und sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte bei der Arbeit einsetzen. Die Teilnahme ist offen für Gruppen, Initiativen und Vereine, die auch ehrenamtlich arbeiten

Wie kann ich mich bewerben?

Ganz einfach so:

  1. Kurze formlose Beschreibung der Aktion: Thema, Ziel, Art der Umsetzung, Reaktionen auf die Aktion (max. eine Seite)
  2. Zusammenstellen einer aussagekräftigen Dokumentation der Aktion (Fotos, Videos, Presseberichte, etc.).
  3. Ausfüllen des Bewerbungsformulars (PDF, 190 KB).
  4. Zusendung der Beschreibung, der Dokumentation und des Bewerbungsformulars per E-Mail an spitze-nadel@inkota.de oder postalisch:

INKOTA-netzwerk e.V.
Z. Hd. Lena Janda
Chrysanthemenstraße 1-3
10407 Berlin

Welche Kriterien werden zu der Bewertung herangezogen?

Bei der Bewertung der Aktionen stehen vor allem drei Kriterien im Vordergrund:

  • Mit der Aktion wird eine breite Öffentlichkeit über die Missstände in der Textil- und Modeindustrie informiert und zum Handeln inspiriert. Möglichst viele Personen und Gruppen werden dazu mobilisiert, sich für die Menschenrechte bei der Arbeit einzusetzen.
  • Durch die Aktionen wird das Interesse der Medien an der Thematik geweckt. Die Aktionen erzielen eine hohe Medienwirksamkeit.
  • Durch die Aktionen werden Politik und Unternehmen zum Handeln gezwungen. Die Textilbranche und die Schuh- und Lederindustrie werden unter Druck gesetzt und zu Reaktionen und Stellungnahmen gedrängt.

Außerdem spielen folgende Punkte bei der Bewertung eine Rolle:

  • Die Aktion verfolgt ein klares Ziel mit einer klaren Botschaft.
  • Die Aktion lädt zum Nachahmen ein.
  • Die Aktion ist originell und einzigartig.
  • Die Aktion ist in ein längerfristiges Engagement zu globalen Themen und Herausforderungen eingebettet.

Bis wann kann ich mich bewerben?

Bewerbungsfrist ist der 30.04.2018. Es können alle Aktionen eingereicht werden, die im Zeitraum vom 01.05.2017 bis zum 30.04.2018 stattgefunden haben.

Wann und wo findet die Preisverleihung statt?

Die Preisverleihung wird voraussichtlich Ende Juni/Anfang Juli 2018 im Rahmen der Ethical Fashion Show im Kraftwerk Berlin stattfinden.

Wer bewertet die Aktionen?

Die Jury

Faire Kleidung zu kaufen muss genauso selbstverständlich werden wie mit Erneuerbaren Energien Strom zu erzeugen oder unsere Wohnung zu heizen. Deshalb muss die Öffentlichkeit noch wirksamer über die unmenschlichen Produktionsbedingungen in der Textilindustrie informiert werden. Solche Aktionen soll der Preis "Die SPITZE NADEL - Aktionspreis gegen die dunkle Seite der Modeindustrie" fördern.

Bärbel Höhn

Ex-Mitglied des Deutschen Bundestags

Der allergrößte Teil unserer Kleidung wurde zu Bedingungen hergestellt, die wir hierzulande niemals dulden würden. Seit ihrer Entstehung ist die Textilindustrie immer in Gegenden mit niedrigen Sozial- und Lohnstandards weitergezogen, wenn sich in einem Land eine selbstbewusste Arbeiterinnenschaft entwickelt hat. Die SPITZE NADEL liefert einen wichtigen Beitrag dazu, diese schlechte Tradition zu beenden.

Heike Holdinghausen

taz

Wir haben eine Konsumlawine in Gang gesetzt, die unseren Planeten zu ersticken droht. Nicht nur die Natur zahlt einen hohen Preis, sondern auch zahllose Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern, etwa die miserabel bezahlte Näherin in Bangladesch. Mit "Fast Fashion" ist uns das Gefühl für den Wert der Dinge verloren gegangen. Wir kaufen immer neue Textilien, um sie immer kürzere Zeit zu nutzen und nicht zu schätzen. Der Preis der SPITZEN NADEL steht dagegen für Respekt im Umgang mit Mode und mit den Menschen, die viel mit viel Geschick und Kenntnissen Mode fertigen.

Kirsten Brodde

Detox Kampagne Greenpeace

Globale Wertschöpfungsketten dürfen kein Synonym für organisierte Verantwortungslosigkeit sein. Damit sich die Politik nicht länger einer Regulierung dieser globalen Wertschöpfungsketten verweigern kann, müssen wir handeln.

Jürgen Maier

Forum für Umwelt und Entwicklung

Ich finde Aktionen wie die SPITZE NADEL wichtig, denn mit engagierten Projekten können wir mehr Menschen erreichen und über die Zustände in der Kleidungsindustrie aufklären sowie große Konzerne oder die Politik zum Handeln bewegen.

Marina Wenk

Bloggerin und Fernsehjournalistin

Aktivisten und Aktivistinnen, die gegen die untragbaren Zustände in der Textil- und Modeindustrie aufbegehren und die Öffentlichkeit auf Missstände aufmerksam machen, tragen dazu bei, dass Arbeiter*Innen entschädigt und Arbeitsbedingungen im globalen Süden verbessert werden. Dieses Engagement muss gewürdigt werden.

Berndt Hinzmann

Kampagne für Saubere Kleidung, INKOTA-netzwerk e.V.

Die Öffentlichkeit muss viel mehr Druck auf die konventionellen Textilhersteller und -händler in Deutschland ausüben, damit diese keine Textilien mehr anbieten, bei denen immer noch das Leid und das Blut der Näherinnen am Etikett klebt. Die Hersteller sind direkt verantwortlich. Sie können und müssen ihre Zulieferer zur Einhaltung menschlicher Produktionsbedingungen bringen. Dass dies möglich ist, zeigt fair gehandelte und mit entsprechenden Textillabeln versehene Mode. Es gibt keine Ausreden mehr!

Kerstin Haarmann

Geschäftsführende Gesellschafterin cum ratione gGmbH

Im Rahmen der Ethical Fashion Show Berlin

Das war die SPITZE NADEL 2017

Bereits zum zweiten Mal haben die cum ratione gGmbH und das INKOTA-netzwerk zur Preisverleihung SPITZE NADEL eingeladen, die 2017 im Rahmen der Ethical Fashion Show stattgefunden hat.

Von den insgesamt 20 eingegangenen Bewerbungen wurden von der achtköpfigen Jury 2 herausragende Aktionen ausgewählt, die besonders wirksam auf die bestehenden Missstände in der Textilindustrie aufmerksam und sich so für mehr Menschenrechte stark gemacht haben. Ausgezeichnet wurden die beiden Preisträger in zwei Kategorien: Während dem H&M Gesamtbetriebsrat die SPITZE NADEL in der Kategorie “Politische Schlagkraft" überreicht wurde, bekamen die Weltläden Iller-Lech den Preis für die beste “Breitenwirkung".

Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit einer namhaft besetzten Diskussionsrunde zum Thema Transparenz in der Textilindustrie.

Politische Schlagkraft: H&M Gesamtbetriebsrat

In der Kategorie „Politische Schlagkraft” zeichnete die achtköpfige Jury den H&M-Gesamtbetriebsrat Deutschland Bereich Sales (GBR) für die Aktion „Stopp! Union-Busting“ aus. Der GBR hatte Ende 2016 eine Solidaritätsaktion für entlassene und verhaftete Textilarbeiter in Ashulia (Bangladesch) gestartet, die für höhere Löhne protestiert hatten. Die Betriebsräte des Modeunternehmens forderten die H&M-Konzernleitung auf, Einfluss auf ihre Zulieferer zu nehmen, damit die inhaftierten Arbeiterinnen freigelassen werden und ihre Forderung nach höheren Löhnen erfüllt wird. Im Zusammenspiel mit einer breiten Solidaritätskampagne konnten sie erreichen, dass die inhaftierten Gewerkschafterinnen freikommen, die entlassenen Arbeiterinnen wieder eingestellt und die Verfahren gegen die Streikenden eingestellt wurden. „Das Vorgehen des Gesamtbetriebsrates von H&M ist ein mutiger Einsatz, der absolute Vorbildfunktion hat. Wir wünschen uns, dass sich noch mehr Arbeitnehmervertretungen großer Modekonzerne trauen, aufzustehen und sich für Menschenrechte bei der Produktion der von ihnen verkauften Textilien stark zu machen. Der Einsatz zeigt, dass es sich lohnt, gegen die Missstände in der Textilindustrie vorzugehen”, erläutert Kerstin Haarmann von der gemeinnützigen Gesellschaft cum ratione aus Paderborn, die den Preis initiiert hat.
Saskia Stock, Vorsitzende des GBR von H&M, kündigte auf der Preisverleihung in Berlin an, das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro direkt für Projekte des internationalen Netzwerkes TIE (transnationals information exchange) zu verwenden.

TIE ist ein internationales Netzwerk von Gewerkschaftsaktivist*innen und betrieblich Aktiven aus dem formellen und informellen Sektor, das die Zusammenarbeit zwischen Beschäftigten und ihren Organisationen in verschiedenen Regionen der Welt unterstützt. TIE wurde 1978 gegründet und ist mittlerweile in über 15 Ländern im Globalen Norden und Globalen Süden aktiv.

Das Netzwerk versteht sich als Teil einer Bewegung, die sich für ein gutes Leben für alle einsetzt und gegen Ausbeutung und Exklusion und für ein Leben in Würde, Freiheit und Selbstbestimmung kämpft. Solidarität ist für tie ein gegenseitiges Prinzip und keine einseitig Nord-Süd-Beziehung. Stattdessen findet Solidarität in beide Richtungen und innerhalb von Süd-Süd-Beziehungen statt. Es bringt in seinen unterschiedlichen Netzwerken – von der Bekleidungsindustrie bis zur Automobil- und Chemieindustrie – regional und international konkrete Verhandlungserfahrungen, Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen, soziale Kämpfe und Lösungsansätze zusammen.

Breitenwirkung: Weltläden Iller-Lech

Die Aktion „XXXL – Wir tragen fair“ der Weltläden Iller-Lech wurde in der Kategorie „Breitenwirkung“ gewürdigt. Ein Zusammenschluss aus 30 Weltläden in 15 Gemeinden der Region führte innerhalb des letzten Jahres zahlreiche lokale Aktionen durch, um die Bevölkerung auf Missstände in der Modeindustrie aufmerksam zu machen. In den Städten und Gemeinden der Region sorgte eine Straßenausstellung mit Riesen-T-Shirts, die an Masten und Bäumen angebracht waren, über Tage für Aufsehen und Medienberichte. Aktionshöhepunkt war ein Sternmarsch in die Innenstadt von Kempten, bei dem sich auch Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller als Gastredner zu fairem Handel und Menschenrechten bei der Arbeit bekannte. Berndt Hinzmann vom INKOTA-netzwerk, das den Preis SPITZE NADEL gemeinsam mit cum ratione vergibt, erklärte: „Es ist wunderbar, dass immer mehr Menschen in der Öffentlichkeit klar und eindeutig für Fairen Handel eintreten. Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Die Menschen wollen die ganze Rechnung sehen. Deshalb fordern wir Transparenz statt Versteckspiel: Politik und Unternehmen müssen für die Einhaltung der Menschenrechte sorgen und der Öffentlichkeit transparent berichten!“

Die weiteren Aktionen: Ein Kaleidoskop der Bewerbungen

Alle eingereichten Aktionen werden auf der Website des INKOTA-netzwerkes anschaulich dargestellt: https://www.inkota.de/themen-kampagnen/soziale-verpflichtung-fuer-unternehmen/aktionspreis-spitze-nadel/spitze-nadel-2017/#c13622.

Außerdem findet sich hier die Präsentation zur Preisverleihung 2017, in der ebenfalls zahlreiche der  eingegangenen Bewerbungen kurz vorgestellt werden.

Impressionen von der Preisverleihung der SPITZEN NADEL 2017 auf der Ethical Fashion Show:

Feierlicher Augenblick in der Kalkscheune Berlin

Das war die SPITZE NADEL 2016

Der bundesweit einzigartige Aktionspreis SPITZE NADEL wurde 2016 zum ersten Mal verliehen. Die Preisverleihung fand auf den Tag genau 3 Jahre nach Einsturz des Rana Plaza Gebäudes in Bangladesch statt und sollte auf diese Weise symbolhaft als Andenken an die Opfer und Mahnung für die Zukunft wirken. Vor knapp 100 Gästen wurden in der Kalkscheune in Berlin 3 öffentlichkeitswirksame Initiativen ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise für mehr Gerechtigkeit in der globalen Textilindustrie eingesetzt haben: die Künstlergruppe Dies Irae, der Verein Future Fashion Forward und die evangelische Jugend Bad Honnef.

Die Preisträger: Dies Irae

Ausgezeichnet wurde die Gruppe für ihre gefälschte Stellenausschreibung für den Textildiscounter Pimark. Vor einer neu eröffneten Filiale machte sie auf Plakaten auf die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen der Näherinnen aufmerksam. Dies Irae warb für Primark um Näherinnen mit einem Stundenlohn zwischen 5 und 10 Cent – ohne Urlaub, ohne Krankenversicherung etc. Die Künstler und Politaktivisten bezeichnen sich als “selbstdenkende Bürger" und haben auch schon abseits der Textilbranche erfolgreiche Aktionen durchgeführt. “Wir brauchen genau solche Initiativen, um die Öffentlichkeit wachzurütteln und die jeweiligen Unternehmen unter Druck zu setzen, endlich ihrer Verantwortung nachzukommen", betonte Kerstin Haarmann.

Äußerst ungewöhnlich für eine Preisvergabe wurde die SPITZE NADEL nicht direkt an die Künstler übergeben, sondern an Jan Korte, einen Freund der Gesellschaft. Da die Gruppe weitere Guerilla-Aktionen plant, möchte sie anonym bleiben. Jan Korte kündigte an, mit dem Preisgeld von 4.000 Euro werde Dies Irae (lat. für Tag des Zorns) neue und auch technisch aufwändigere Aktionen durchführen können.

Die Preisträger: Future Fashion Forward

Als weiterer Preisträger wurde der Future Fashion Forward ausgezeichnet: Der Verein, u.a. bestehend aus jungen Designern, hatte in Berlin einen Automaten aufgestellt, an dem für zwei Euro T-Shirts gezogen werden konnten. Vor dem Auswurf wurden die Passanten allerdings mit Bildern über die Zustände in der globalen Bekleidungsindustrie konfrontiert. Anschließend konnten die Benutzer wählen: Die zwei Euro für bessere Arbeitsbedingungen spenden oder tatsächlich das T-Shirt nehmen. Berndt Hinzmann, Inkota-Referent und Juror erklärte: “Eine absolut tolle Aktion, vor allem wenn man bedenkt, dass 90 Prozent der Automaten-Benutzer am Ende ihre 2 Euro tatsächlich gespendet haben. Der Anspruch der Gruppe, zum Nachdenken anzuregen, hat also tatsächlich funktioniert!

Die Preisträger: Evangelische Jugend Bad Honnef

“Die SPITZE NADEL"- Jurymitglied Janine Steeger (Journalistin) lobte das Engagement der evangelischen Jugend Bad Honnef, die mit dem Jugendpreis ausgezeichnet wurde (2.000 Euro). Die Gruppe hatte beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart die Situation in den Textilfabriken hautnah erfahrbar gemacht. An dem Stand konnten die Besucher in einer “Black Box" Augen und Ohren vor den schlimmen Bedingungen in lauten, stickigen und überfüllten Produktionshallen nicht verschließen – dafür sorgten u.a. Bildschirme und Lautsprecher.